Das vermasselte Rendezvous

 

Ich war gut vorbereitet.
Schon beim Eintreten nahm ich Desk und Schild zur Kenntnis. Eine geerdet wirkende Holländerin verbarrikadierte sich dahinter. Auf dem Schild stand: „Bitte sprechen Sie uns an. Freunde des Mauritshuis.“ Wer gut vorbereitet ist, weiß aber selbst, wo er suchen muss. Und wer ein Rendezvous hat, ist nicht in Stimmung, mit Fremden über Kunst zu diskutieren.  

Das kam erst später.

Erst, als mich mein Rendezvous frisch versetzt hatte.  „De Briefschrijfster“ von Gerard ter Borch war nämlich nicht da. Die Holländerin aber war da. Im rechten Moment fiel es mir wieder ein. Mit der Energie einer Staatsanwältin auf der Suche nach ihrem Kronzeugen rannte ich die Treppe wieder runter, ins Foyer.

Wir hatten zu reden.

Das Reden läuft bei mir nicht so rund, wenn ich empört bin. Empörung bekommt weder meinem Sprechtempo noch meiner Reportlogik. Ich bin mir dessen bewusst. Wenn ich empört bin, sind auch ein paar Erinnerungslücken schon mal drin. Habe ich der Geerdeten eigentlich vom Bildwächter erzählt? Kann sein, kann sein auch nicht.

Dieser Bildwächter zählte wohl eher nicht zu den ehrenamtlichen Freunden des Mauritshuis, vermute ich. Als Festangestellter hatte er wohl eher ein besonderes Auge auf das Kleinod der Sammlung. Auf Jan Vermeers „Mädchen mit den Perlenohrringen“. Das Kleinod war mir völlig egal. Mir ging es um das Nachbarbild.

Zuhause hatte ich die Saalnummer notiert und ein Screenshot gemacht. (Ich war gut vorbereitet.) Damit konnte ich jetzt, vor Aufregung hüpfend, dem Bildwächter vor der Nase herumfuchteln.

Er schaute ausgiebig und gutmütig.

Es dämmerte ihm. Ja, sagte er langsam, ja, früher hing das Bild wohl hier. Derzeit hängt es hier nicht. Während er sprach, zwang ich mich, weniger zu hüpfen und weniger zu fuchteln. Dann versteht man gleich besser. Das wäre in diesem Fall aber gar nicht nötig gewesen.

Die Sache war denkbar einfach.

Erstens:  Mein Rendezvous hat mich versetzt.
Zweitens: Er hier, der Bildwächter, der ist nicht mein Kronzeuge.

Wie gesagt, wenn ich empört bin, sind ein paar Erinnerungslücken schon mal drin. Aber dass die Dame am Desk jedwede Entschuldigung verweigerte, weiß ich noch. Sie versuchte, sich mit Halbheiten aus der Bredouille zu bringen. Mein Bild sei auf Reisen. Ausgeliehen. So was komme schon öfters mal vor. Ich merkte, wie wenig ich sie leiden konnte. Sie wirkte so angespannt. Der Kiefer so fest. Die Augen ganz unerbittlich; mein hüpfendes Nervensystem war dieser Frau hoffnungslos unterlegen.

Und dann versiegte ihr Englisch. 

 Anwesende Ehegefährten beobachten die Szene aus der Ferne. Sie sind klug, sie halten Abstand. Später fallen Sätze wie: „Es ist doch nur ein Bild.“  Das ist sachlich aber nicht korrekt. „De Briefschrijfster“ war mein Rendezvous. Dieses Bildes wegen sind wir doch extra nach den Haag gefahren!

Man kämpft im Vorfeld extra gewisse Befürchtungen nieder. Es ist schließlich immer heikel, eine platonische Beziehung auf die nächste Stufe zu bringen.
Man geht da voll ins Risiko.  Was, wenn der andere eher mickrig wirkt und gar nicht subtil?
Manche Werke sind in der Reproduktion stärker als im Original. 

Die Ehegefährten parken später das Auto in Scheveningen.
Am Strand suchen wir nach Treibholz und Muscheln.
Stattdessen finden wir kleine Sanddollars mit ihren Sternchen.

Bis die Flut kommt, sammeln wir diese einstigen Meeresbewohner in meine Blechdose.

Mir fällt auf, wie sehr ich sie leiden kann, meine zwerghaften Sanddollars. Mein Zorn verraucht weitgehend. Heute bin ich nur noch ein ganz kleines bisschen böse auf das Mauritshuis.

Fuck.

 
Linda Luk

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